Fliegende Schwäne und skurrile Damen – Eifeler Gartenkunst blüht im Verborgenen
Die drei fliegenden Schwäne sind inzwischen erwachsen und in alle Himmelsrichtungen davongeflogen. Foto: Knut Kuckel / Geschichten am Weg
Die drei fliegenden Schwäne sind inzwischen erwachsen und in alle Himmelsrichtungen davongeflogen. Foto: Knut Kuckel / Geschichten am Weg

Fliegende Schwäne und skurrile Damen – Eifeler Gartenkunst blüht im Verborgenen

Der Garten, der mich so fasziniert, könnte einer jener geheimen Gärten alter Venezianer sein. Oder – um es auf die Spitze zu treiben, ein verwunschener Garten, in dem Wesen längst vergangener Tage Zuflucht suchen. – Alles falsch. Diesen Garten gibt es nämlich wirklich und zwar im Eifelstädtchen Prüm.

Wer in diesen Garten darf, gehört zu einem ausgewählten Kreis enger Freunde. Die Gartengestaltung hat künstlerisches Niveau. Das ist untertrieben. Die Gartenkünstlerin – ich nenne sie mal so – will keine sein. Der künstlerische Handwerker hinter ihr, gibt sich in gleicherweise bescheiden und sagt, „sowas gibt es doch hier an jeder Ecke.“

An jeder Ecke? Dann gäbe es in Prüm, neben der weltberühmten St. Salvador Basilika, dem inzwischen ebenso bekannten Karolingerpfad und der Gedenkstätte am Kalvarienberg etwas Vorzeigbares, dass – so es bekannt würde – Gartenfreunde aus aller Welt neugierig auf die Eifelstadt mit ihren Kunstgärten machen würde.

„Die Unordnung in unserem Garten gefällt allen. Uns besonders“, sagte die Gartenkreative mit dem Kürzel »MK«. Künstlerin mag sie nicht sein. „Zu hoch gehängt, passt nicht zu mir. Bin ich nicht.“ Gartengestaltung habe etwas mit Alltag zu tun. „Wir leben und lieben unseren Garten. Er tut gut.“

Dieser Garten tut allen gut, die ihn erleben dürfen. Er darf wachsen und das gefällt ihm. Im Sommer entfaltet er seine größte Wirkung. Was diesen Garten so einzigartig macht, sind die vielen handgemachten Details.

Man könnte es für Außenstehende auch so formulieren:

Ton- trifft Holzkunst.

Da wächst zusammen, was sich schon immer innig verbunden fühlte.

Zwei Tage habe ich mir den Garten in Prüm angeschaut. Bei wechselhaftem Wetter. Das war, mit Blick auf die kreative Bildgestaltung, mehr als hilfreich. Ich konnte den Garten in seiner „gewollten Unübersichtlichkeit“ erleben. Bei Regen, Sonnenschein und bedecktem Himmel. Das war gut für die differenzierte Farbgestaltung der Fotos.

„Seid willkommen, draußen ist Selbstbedienung“, steht auf einer Schiefertafel in gut leserlicher Schrift. Ich frage nach und erfahre von der Hausherrin: „Wer bei uns ein und ausgeht, weiß wo Essen und Trinken zu finden ist.“ Und „Nö“, nochmal ganz langsam zum Mitschreiben, sie möchte auf gar keinen Fall „Künstlerin“ genannt werden. „Das ist ein Hobby“, sagt sie. „Mehr nicht. Ich töpfere, gestalte und modelliere. Genauso gerne nähe und koche ich oder liege im Garten rum und genieße das Nichtstun.“

Wir reden über Kunst und sind in einem Punkt einer Meinung: Ob etwas „Kunst“ ist oder nicht, entscheidet nicht der Kunstschaffende selbst, sondern die Betrachter seiner Werke. Vereinfacht formuliert, was dem Publikum gefällt, darf irgendwann mal „Kunst“ genannt werden. So hat mir das früher mal ein Kollege erklärt, nachdem ich als neugieriger Volontär von einer ersten Ausstellung zurück in die Redaktion kam. Ich war in jungen Jahren weniger aufgeschlossen für künstlerisches Schaffen als heute.

Ein anderer, gern zitierter Sachkundiger sagte mal: „Kunst wird als schön empfunden, wenn sie Gefühl und Verstand in gleicher Weise anspricht.“ Doch was ist schön? Schön – das ist ganz schön relativ. Wenn die Kunstdefinition des französischen Malers Maurice Denis mehrheitsfähig wäre, bringt sie das, was den Prümer Garten ausmacht, auf den Punkt. Er soll mal gesagt haben, „Kunst ist, wenn Dinge gerundet erscheinen.“

Im Garten meiner Gastgeber scheint Vieles rund. Mit naturbelassenem Teich, Seerosen, Schilf, Kletterpflanzen und viel altem Holz. Alles scheint in diesem überschaubaren Naturraum aufzublühen. Umgeben vom Duft der Rosen, des Lavendel und der Lilien. Die Protagonisten des Gartenidylls wachen mit Haltung über alles, was ihnen anvertraut scheint. Das ist nicht gerade wenig.

Sie heißen Mathilde, Gerlinde oder Almuth. Skurril anmutende Damen, die meisten ästhetisch wohlgeformt, machen den scheinbar verwunschenen Garten zu einer runden Sache.

Ins Auge fallen beim Eintritt ins Gartenidyll drei fliegende Schwäne. Sie sind einer Märchenhandlung nachempfunden und stellen die längst davon geflogenen Kinder der Familie dar. Inzwischen erwachsen, leben sie in unterschiedlichen Großstädten in Deutschland. „Die Schwäne sollten schon einmal Teil einer Ausstellung werden“, dieses Anliegen mussten wir allerdings mit Bedauern ablehnen, wird uns auf Nachfrage erzählt. „Das wäre uns dann doch zuviel Rummel um uns gewesen.“

Einmal pro Woche treffen sich gleichgesinnte Hobby-Künstlerinnen auf Einladung der Prümer Volkshochschule in einer Töpferwerkstatt im Konvikt. „Das hat für jeden von uns auch einen hohen Freizeitwert“, meint die Kunstschaffende. „Alle sind unterschiedlich künstlerisch ambitioniert. Wir mögen uns und deshalb kommen wir auch außerhalb der Kurse zusammen.“

Da möchte ich mal dabei sein und vereinbare diese Geschichte im Rahmen einer etwas umfangreicheren Dokumentation zu schreiben. Vielleicht schon im Herbst? Spätestens im Winter. Dann ist mir auch gestattet, alle „Künstlerinnen“ namentlich zu outen.

An welchem Ort der Garten so vor sich hinträumt, wird bis dahin nicht verraten. Das habe ich versprochen. „Wir freuen uns, über den Besuch freundlicher Menschen, möchten aber keine allzu große Öffentlichkeit neugierig machen“, sagt die Gartengtestalterin. „Später vielleicht ja mal. Vielleicht…“ Das ist ja schon Mal ein Wort und darauf komme ich sehr gerne zurück. Bis dahin wünsche ich allen Interessierten gute Unterhaltung beim Betrachten meiner Bilder.

Dem schneeweißen Alien, hinter dem Backhaus, sage ich auch gleich auf Wiedersehen. Der kleine Außerirdische hat auf seinem Holzklotz unserem Treiben mit verhaltenem Interesse zugeschaut. Ich bin einigermaßen stolz darauf, ihn in diesem ungewöhnlichen Ambiente angetroffen zu haben. Was einem Prüm in so kurzer Zeit alles bieten kann? Bemerkenswert.

Fotos: Knut Kuckel / Geschichten am Weg

...danke für's WeitersagenFacebookTwitterPinterestEmailWhatsApp
Meine Meinung